Jeder hat so seinen Mond 1987-1988
Everybody has his Moon 1987-1988

Der Mond von Heinz Rudolf Unger

“Der Mond ist ein externer Körperteil
der Kreativen.
Das Gehirn und der Mond
sind wie Nut und Feder.
Der Mond schert sich nicht darum,
in welchen Gewässern er sich spiegelt.
Der Mond stellt Fragen,
Antworten lassen ihn kalt.
Die unbeantworteten Fragen haben schon immer
die Spezialisten hervorgebracht,
die Installateure und Allesfresser,
die Tracheenatmer und die Germanisten,
die Quastenflosser und die Künstler.
Ein Spezialist ist ein Holzweg der Evolution.
Alle Spezialisten zusammen sind die Evolution.
Wäre der Mondlicht gewesen,
weshalb hätte sich das Tier einst
fragend dem Himmel zu wenden sollen?
Die wahre Herausforderung liegt nicht im Urwald,
sondern darüber, in der Sichel über den Gipfeln.
Die Sterne waren nur aufgehängte Lichter,
aber der Mond mit seinen Rhythmen und Wandlungen
war das Umbegreifbare, das die Zirkeldrüse
befruchtet und den Hirnstamm zum blühen brachte.
Viele Jahrtausende voll Grübeleien
hat der silberne Mond auf dem Gewissen.
Ebbe und Flut und unser schäumendes Blut…
Jedem seinen Mond! Wachsen und Vergehen!
Da genügen dunkle Farben auf der Palette nicht.
Es muß einer für eine lange Zeit
durch die Nacht der unteren Welt gewandert sein,
und dann noch die Kraft und die Chuzpe haben,
den Blick emporzuzwingen. Ein Mond für die Beladenen.
Ein Lichtstrahl für die Verzweifelten.
Ein Halt für die Verirrten. Jedem sein Mond!
Steigerungen sind immer möglich”